NEU: Nachlese zur Andacht Michael Rostock

Kirche Gaußig

Bildnis von Michael Rostock (sorbisch Michał Rostok). Er lebte von1821 - 1893.
Michael Rostock (sorbisch Michał Rostok) |1821 - 1893

Nachlese

zu einer Andacht zum Gedenken an den 200. Geburtstag von Michael Rostock

am Mittwoch, dem 21. April 2021 um 17 Uhr

in der Kirche zu Gaußig

Presseecho zum Nachlesen:

in der Sächsischen Zeitung
zum Artikel

in den sorbischen Kirchennachrichten "Pomhaj Bóh" (ISSN 0032-4132)
zum sorbischen Artikel von Gertud Mahling / Trudla Malinkowa

 

Michael Rostock – Lehrer und Naturforscher mit Leib und Seele

Nach Auskunft des Dompfarramtes Bautzen wurde Michael Rostock als Sohn eines armen Häuslers im wendischen Ebendörfel am 17. April 1821 geboren und am 19. April 1821 vermutlich im Dom nach röm.-kath. Ritus getauft. Obwohl die Einwohnerschaft Ebendörfels evangelisch war, gehörte es wie Gnaschwitz und Schlungwitz zur Parochie der Nicolaikirche. Darum behauptete sich das Taufrecht der römischen Pfarrer bis ins 19. Jahrhundert. Michael Rostock selbst gibt als seinen Geburtstag den 21. April 1821 an.

Das Leben Michael Rostocks verlief sehr schlicht. Es wäre kaum erzählenswert, wenn es nicht eine reiche Entwicklung und eine Fülle wissenschaftlicher Ergebnisse in sich schlösse, die für das geistige Leben einer ganzen Landschaft von langanhaltender Bedeutung geworden sind. Nach dem Besuch der Volksschule Postwitz musste der kluge und interessierte Junge in die Fremde gehen und sich sein Brot verdienen. Als Kuhhirten auf einem Gut bei Dresden traf ihn der Ruf des Schicksals; das einzige sensationelle Ereignis in seinem Leben trat ein. Der Semi­nardirektor Dreßler in Bautzen hatte angeregt, begabte sorbische Jungen zu Volksschullehrern auszubilden. Sein Aufruf wurde von den Kanzeln herab bekanntgegeben. Rostocks  Eltern hörten ihn und veranlassten den Sohn zur Heimkehr. Michael Rostock bestand die Aufnahmeprüfung mit Auszeichnung und durfte von 1837 bis 1841 das Landständische Seminar besuchen. 1839 begann Rostock zu arbeiten. Ein „Handbuch der Pflanzenkunde" in sorbischer Sprache sollte sein erstes Werk werden. Zugleich fing er an, sich einem ersten, von dem Dichter Handrij Zejler und dem Sprachforscher Pful ausgehenden Forschungsauftrag zu widmen und für ein Wörterbuch - das dann erst 1866 herauskam - sorbische botanische Namen zu sammeln. Er ging hinaus ins Volk und befragte „Kräuterfrauen und Hebammen, Kräutermänner, Förster, Schäfer und andere pflanzenkundige Leute".

Seine ersten drei Amtsjahre verbrachte Rostock als Hilfslehrer in Göda. Von 1844 an aber wirkte er 40 Jahre lang als einziger Lehrer an der kleinen Landschule in Dretschen.

Fern von den Störungen, aber auch von den Förderungen der großen Welt konnte Rostock hier sein eigenes geistiges Reich entwickeln und es nach den verschiedensten Richtungen ausweiten. Neben seiner mühevollen Berufsarbeit, die den Hauptteil seiner Kraft und Zeit beanspruchte, war er unermüdlich beobachtend, lernend, sammelnd tätig. Bis tief in die Nächte hinein ordnete er seine Sammlungen, brachte seine Beobachtungen zu Papier und schrieb an wissenschaftli­chen Aufsätzen und Listen. In briefliche Verbindung trat Rostock nicht nur mit verschiedenen deutschen Naturforschern, sondern auch mit ausländischen Professoren der Universitäten, wie in Wien, Leeuwarden und London.

Der schwedische Universitätsprofessor Aresbroeg besuchte 1873 Rostock in Dretschen, um sich mit ihm persönlich auszutauschen. Mit vielen auswärtigen wissenschaftlichen Gesellschaften knüpfte Rostock ebenfalls Beziehungen an und lieferte für ihre Sammlungen Pflanzen und In­sekten. Gerahmte Ehrendiplome der Isis-Dresden und einer naturforschenden Vereinigung in Kiew bildeten neben einer Ehrenurkunde der Maćica Serbska in Bautzen die einzigen Schmuck­stücke in seinem bescheidenen Arbeitszimmer.

Das knappe Einkommen Rostocks ging zu einem großen Teil für die Beschaffung von Literatur und wissenschaftlichem Rüstzeug drauf. Es er­laubte dem wissbegierigen Mann keine Forschungsreisen in andere Teile Deutschlands, in die Alpen, an das Meer oder gar ins Ausland. So wurde er in der auferlegten Beschränkung zum rechten Heimatforscher und bewies in seinem Wirken, dass ein geistig reger und berufener Mensch auch im engen Umkreis einen überraschenden Reichtum aufzuschließen vermag.

Rostocks Forschergänge führten vieltausendfach durch die wenig berührte Natur der sehr anmutigen Landschaft am Picho und am Valtenberg, sie führten in die weitere Umgebung der Stadt Bautzen und, wenn es hoch kam, in die benachbarten Landstriche, nach Nordböhmen, ins Elbtal, in die Sächsische Schweiz, ins östliche Erzgebirge und ins Riesengebirge. Dass der bedürfnislose Mann dabei größte Sparsamkeit übte, verstand sich von selbst. Man erzählt von ihm, dass er mit einem Taler in der Tasche drei, vier Tage unterwegs war und dann immer noch Geld mit heim-brachte.

Seine Stube in Dretschen war zugleich seine Küche, doch außerdem war sie ganz der Wissen­schaft geweiht, ein rechtes naturwissenschaftliches Laboratorium. In seinem Dorfe und darüber hinaus, wo man ohnehin Rostocks Arbeit nicht würdigen konnte, ging manche ergötzliche Schilderung über Leben und Wirtschaft des „Sonderlings" um, und manch einer besuchte ihn nur, um sich über das anscheinend regellose Durcheinander haus­wirtschaftlicher Gegenstände, Bücher, Schriften, gesammelter Pflanzen, gespießter Insekten, gefangener Schlangen belustigen zu können.

Über seine Tätigkeit als Lehrer von Dretschen sind im Gaußiger Pfarrarchiv einige Protokolle erhalten geblieben. In ihnen wird es dem Pfarrer nahegelegt, sich kritisch mit der Arbeit Ro­stocks zu befassen. Bei der Hospitation eines Mitgliedes der obersten Schulbehörde fiel auf, dass die Dretschner Schulkinder nur in der ersten Zeit aufmerksam und dann schwatzhaft sind. Wie mag es dann erst zugehen, wenn kein Hospitant im Klassenraum sitzt? Es ist daher durch­aus vorstellbar, dass bei einem Lehrer, der in der wundervollen Welt der Pflanzen so bewandert war, wie kaum ein anderer in der Lausitz, der Unterricht zur Freude der Dretschner und Arnsdorfer Kinder mit nicht ganz so straffen Zügeln durchgeführt wurde. Damit soll nicht gesagt werden, dass Rostock nur mit halbem Herzen Lehrer gewesen sei.

Einer der begabtesten Schüler Michael Rostocks in Dretschen war Jan Arnošt Hollan, der in seiner Nachbarschaft wohnte. Dieser geistig herausragende Junge wurde auf Rostocks Veranlassung gefördert. Er konnte als Dretschener Bauernsohn das Gymnasium besuchen und mit Hilfe eines Sonderstipendiums des Zaren in Leipzig studieren. Später leitete Rostocks Musterschüler als Direktor das älteste Gymnasium Rußlands in Reval.

Seinen Ruhestand verlebte Michael Rostock in Gaußig. Da er für seine umfangreichen und mühsamen wissenschaftlichen Arbeiten nie eine finanzielle Vergütung bekommen hatte und das Ruhegehalt gering war, blieb die Armut auch jetzt bei ihm zu Gaste. Doch wurde er in diesen letzten Jahren wenigstens von einer guten Haushälterin versorgt.

Er starb am 17. September 1893. Im Gaußiger Kirchenbuch steht geschrieben, dass Michael Rostock am 17.9.1893 einhalb vor 5.00 Uhr starb. Am 20.09.1893 wurde er mit Stand-rede auf unserem Friedhof beige­setzt. Als Todesursache gab man Altersschwäche an. Er war ledig und hinterließ einen Bruder und zwei Kinder eines verstorbenen Bruders.

Siehe „Natura lusatica", Bautzen 1953, 1. Heft, Aufsatz von Theodor Schütze, Kirchenblatt 4/1986

 

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